Wenn ich erst gehen muss, damit du mich ernst nimmst
Gerade einen Beitrag auf LinkedIn gelesen. Kurz zusammengefasst: Ein Mann arbeitet seit Jahren in einem Unternehmen. Ist wohl auch sehr qualifiziert, bekommt wichtige Aufgaben aufgetragen.
Ein paarmal bittet er um eine Gehaltserhöhung. Jedes Mal bekommt er die Antwort: „Dafür ist kein Geld da.“
Als er kündigt, wird ihm plötzlich ein höheres Gehalt angeboten – wenn er bleibt.
Jetzt kann man sich Gedanken über das Unternehmen machen. Aber was lernt eigentlich der Mitarbeiter selbst?
Im Job: „Wenn ich kündige, bekomme ich plötzlich mehr Geld.“
Aber solche Lernerfahrungen bleiben selten sauber im Büro:
In der Partnerschaft: „Wenn ich mit Trennung drohe, bewegt sich etwas.“
In der Familie: „Wenn ich laut werde, hören mir alle zu.“
Im Alltag: „Wenn ich Druck mache, bekomme ich meinen Willen.“
Ich denke, ich hatte zeitweise auch so ein Muster.
Allerdings hat sich das unter dem Strich eher negativ ausgewirkt. Im Job hat es beim ersten Mal funktioniert – beim zweiten Mal meistens nicht mehr.
Dadurch „musste“ ich einen eigentlich recht guten Job in Zypern kündigen … sonst hätte ich mich ja unglaubwürdig gemacht.
In der Beziehung hat es ein paarmal öfter funktioniert. Aber irgendwann hat die jeweilige „sie“ gesagt: Dann verpiss dich doch.
Und die eigentliche Frage lautet: Was lernen wir dadurch über uns selbst?
Nämlich möglicherweise:
- Ich muss Druck machen, damit meine Bedürfnisse zählen – und zwar auch mir selbst gegenüber.
- Ich werde nur ernst genommen, wenn ich Konsequenzen androhe.
- Offen und frühzeitig über meine Bedürfnisse zu sprechen, funktioniert offenbar nicht.
Nicht nur andere Menschen lernen aus unserem Verhalten. Wir lernen selbst daraus, welches Verhalten bei anderen funktioniert.
Und genau das ist die Falle.
Denn was wir dabei wirklich lernen, ist nicht: „So bekomme ich, was ich will.“
Sondern: „Ich bin nicht wichtig genug, um einfach so gehört zu werden.“
Und dieses Gefühl tragen wir dann mit – in den nächsten Job, in die nächste Beziehung, in unser eigenes Leben.
Dir hat der Artikel gefallen? Dann registrier dich kurz – ich schicke dir höchstens einmal pro Woche eine Benachrichtigung, wenn neuer Lesestoff da ist.
