Athen für Fortgeschrittene
Ich lese oft so Reisetipps für Athen. Gerade erst wieder auf Instagram.
Ganz ehrlich: Das ist in der Regel nur eine Aufzählung von Touristenfallen. Deshalb hier mal ein paar echte Insidertipps von einem, der vier Jahre in Athen gelebt hat.
Die echte Plaka
Oft gilt die Gegend rund um den Monastiraki-Platz als „die Plaka“. Ist sie aber nicht. Dieses Viertel heißt Monastiraki.
In Monastiraki ist weitgehend Touristennepp angesagt: Andenkenläden made in China, Massenabfertigung in Restaurants, eine schöne, aber meist überfüllte Dachterrasse im Hotel A for Athens mit toller Aussicht auf die Akropolis. Dazu Bettler- und Diebesbanden – eine nette, alte Frau bietet dir Blumen an, und mit der anderen Hand klaut sie dir dein Handy. Oder Schwarze, die dir ein Freundschaftsarmband ums Handgelenk knoten – und dann kommt die Forderung: „Ich hab dir was geschenkt, jetzt musst du mir auch was schenken. Am besten Bargeld.“
Also: Pass auf deine Wertsachen gut auf!
Die echte Plaka liegt leicht südöstlich davon. Dort findest du noch echtes griechisches Kunsthandwerk, qualitätsvolle Souvenirs, traditionelle Kafenios und Restaurants mit frischen, hochwertigen, leckeren Speisen. Auch ein paar historische Stätten lohnen einen Besuch – der Turm der Winde, die römische Agora und das Hadrianstor an den Rändern der Plaka.



Anafiotika
Ein Teil der Plaka, direkt unterhalb der Akropolis, heißt Anafiotika. Eigentlich ein recht junger Stadtteil von Athen – man sieht es ihm aber nicht an. Entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg. Arbeiter von der kleinen griechischen Insel Anafi halfen beim Wiederaufbau Athens und siedelten sich verbotenerweise unterhalb der Akropolis an. Aus Dankbarkeit für ihre Hilfe ließ man sie gewähren.
So entstanden kleine, malerische Gassen. Das Baumaterial war vor allem Bauschutt aus dem zerstörten Athen. Manchmal wurde ein Haus einfach um einen gusseisernen Balkon herum gebaut, der noch in gutem Zustand war. Markant sind viele lange Treppen den Akropolis-Hügel hinauf, auf denen heute oft malerische Restaurants Platz finden.

Akropolis oder Filopappou?
Die Akropolis gilt als Pflichtprogramm. Ich war in vier Jahren kein einziges Mal oben.
Rund 30 Euro Eintritt. Lange Schlangen – erst zur Kasse, dann zum Eingang, wenn du nicht per Internet vorbestellt hast. Im Sommer bei glühender Hitze schieben sich die Menschenmassen da rauf, und nach zwei Stunden darfst du wieder gehen.
Äh, danke, aber nein danke.
Der Filopappou (auch Musenhügel genannt) liegt genau gegenüber. Er ist bewachsen mit Bäumen und Sträuchern, dadurch ist es auch im Hochsommer recht angenehm. Von dort sieht man die Akropolis sehr gut und kann in Ruhe ohne Zeitlimit, ohne Stress, die Menschmassen beobachten.
Pnyx
Die Pnyx ist ein etwas kleinerer Hügel neben dem Philopappos-Hügel. Der historische Versammlungsplatz der Athener – hier wurde die Athener Demokratie begründet. Mit einer sehr schönen Sicht auf die Akropolis. Solltest du mit dem Besuch des Philopappou verbinden. Ein sehr schöner Spaziergang, und du atmest die Historie und die Energie dieses Platzes, auf dem auch heute noch Staatsoberhäupter auftreten – beispielsweise hielt dort 2017 der französische Präsident Emmanuel Macron eine viel beachtete Grundsatzrede.

Ano Petralona
Ano Petralona, das „obere Petralona“, liegt südwestlich der City, unterhalb des Philopappos-Hügels. Ein typisches Athener Viertel, abseits der Touristenströme, mit vielen (sehr günstigen) Restaurants und Cafés, einigen günstigen Hotels und Pensionen – fußläufig zur City und zur Akropolis. Über die Metrostation Petralona bist du auch gut an den ÖPNV angebunden, um andere Ecken von Athen zu entdecken. Perfekt für ein paar Tage Aufenthalt.
Nationalgarten und Erster Athener Friedhof
Der Athener Nationalgarten, direkt neben dem Parlament, ist auch einen kleinen Ausflug wert. Ein Teil des Geländes war in der Antike der private Garten des Philosophen und Botanikers Theophrastos von Eresos. Um 1840 im Auftrag der Königin Amalie als botanischer Garten und privates Refugium geplant, wurde er 1923 für die Öffentlichkeit freigegeben. Die Pflege wird ehrenamtlich durch einen Verein organisiert – und ehrlicherweise merkt man das auch. Viele Ecken sind schon sehr vergammelt.



Ein anderer, ebenfalls vergammelter Ort ist der Erste Athener Friedhof. Da hat das Vergammelte aber einen eigenen Flair von Morbidität. Außerdem ist es natürlich sehr viel ruhiger als im Nationalgarten.
Ich mag dieses Flair sehr gerne. Am Grab von Melina Mercouri (der Namenspatin meiner ältesten Tochter), Demis Roussos oder dem früheren Ministerpräsidenten Andreas Papandreou die Ruhe genießen, vielleicht ein bisschen meditieren. Die kunsthistorisch bedeutsamen neoklassizistischen Mausoleen – wie das Mausoleum Heinrich Schliemanns, das als dorischer Tempel gestaltet ist – lassen sich dort ebenfalls bewundern.

Athen Riviera
Athen liegt ein paar Kilometer im Landesinneren. Die Beachfront von Palaio Faliro bis Glyfada und Voula wird seit einigen Jahren als Athen Riviera bezeichnet. Sicherlich nicht so schön wie einsame Strände auf griechischen Inseln, aber per Straßenbahn sehr gut von der Stadt aus erreichbar. Schöne Cafés, Restaurants, Strandbars und Strandclubs – wenn du Party machen willst. An den Wochenenden natürlich von zahlreichen Athenern bevölkert – hat auch seinen Flair, weil sich da kaum Touristen druntermischen.



Schinias Nationalpark bei Marathon
Last but not least: Auch Ausflüge ins Umland lohnen sich. Beispielhaft möchte ich auf den Schinias Nationalpark mit seinem wunderschönen Strand bei Marathon hinweisen – zum größten Teil nur von Griechen besucht. Oder eine Tour von dort aus in Richtung Süden über Rafina, Artemida (da habe ich ein halbes Jahr gewohnt) bis Poro Rafti, mit sehr schönen, meist flach ins Wasser gehenden Stränden.

Ja, und wenn du einen Tipp für Athen oder Griechenland möchtest – kommentiere hier gerne. Ich kenne die Gegend fast wie meine Westentasche.
Und vor allem: Ich schick dich nicht in die nächste Touristenfalle. Dafür bin ich nicht hart genug gefallen. 😉
