Der sekundäre Gewinn – Case Study

Krank zu sein hat nicht nur Nachteile – oder zumindest stecken oft Anteile drin, die gar nicht mal so schlecht sind.

Du wirst von Haushaltspflichten entbunden – musst nicht beim Abräumen helfen. Du wirst gepflegt und bemuttert, dir wird der Tee und der Zwieback ans Bett gebracht. Du wirst getröstet und bemitleidet, bekommst liebevolle Zuwendung – vielleicht mehr als sonst in deinem Alltag.

Auch später als Erwachsener: du musst nicht zur Arbeit, du bekommst Unterstützung.

Das nennt man sekundären Krankheitsgewinn.

Stefanie war eines der „Versuchskaninchen“ vor etwas über zwei Jahren, als wir begonnen haben, unsere Secret-Angel-Vorgehensweisen zu entwickeln. Sie hatte sich auf meinen Aufruf in Facebook gemeldet.

Sie litt unter chronischen Schmerzen. Ich weiß gar nicht mehr genau, wie alt sie war – so um die 40. Solange sie zurückdenken konnte, hatte sie Schmerzen. Körperliche Ursachen waren mehrfach untersucht und ausgeschlossen worden – also wahrscheinlich psychischer Natur.

Im Gespräch über ihre Kindheit fielen dann Halbsätze:

„… irgendwie war ich dadurch immer etwas Besonderes.“
„… ich war immer im Mittelpunkt.“

Damals lebte sie mit ihrem Mann, ohne Kinder – und genoss natürlich die Vorteile ihrer Erkrankung: dass der Göttergatte sich um alles kümmerte, sie versorgte, und sie nicht arbeiten musste. Der Mann selbst war dadurch ziemlich überlastet – und einige Wochen vor dem Gespräch auf Kur.

Ich fragte sie, ob es einen Unterschied bei den Schmerzen gab, als der Mann nicht da war.

Da fiel es ihr selbst auf: In der Zeit, als ihr Mann zur Kur war, hatte sie kaum Schmerzen. Sie konnte ihre alltäglichen Pflichten – aufräumen, putzen, einkaufen – problemlos erledigen.

Bearbeitet haben wir das mit einem Realitätsabgleich. Der Realitätsabgleich hat hier nicht an den Symptomen gekratzt, sondern an der Funktion der Schmerzen im System – und das innerhalb weniger Minuten.

Heute betreibt sie eine Ferienhausvermietung an der Ostsee.

Noch zur Klarstellung: Das war keine Vorsätzlichkeit, keine Bösartigkeit, keine Faulheit von ihr. Sondern einfach ein eingeübtes Muster – eines, das sie über Jahre hinweg nicht hinterfragt hatte.


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