Perfektionismus – die nette Falle
Perfektionist zu sein hat im Allgemeinen ein hohes Ansehen. Bei einer OP am offenen Herzen ist es mir auch sehr recht, wenn die Ärzte Perfektionisten sind.
Aber: Risiken und Nebenwirkungen?
Ja. In vielen Fällen sind Perfektionisten einfach Leute, die nicht in die Puschen kommen. Warum? Weil sie ihr Produkt oder ihre Aufgabe zu Tode verbessern – und nie fertig werden.
Einer meiner besten Freunde ist so ein Fall. Ein absolut genialer Mensch. Ich sollte ihn mal fragen, ob er seinen IQ schon mal messen lassen hat – ich würde ihn in Einstein-Regionen verorten. Im Ernst. Kein Geschleime. (Er liest das hier nicht, versprochen.)
Er hat ein Buch geschrieben. Ein geniales Buch. Schon seit einem Jahr fertig. Unter anderem mit Erkenntnissen und Selbstcoaching-Methoden, die wirklich vielen Menschen sehr, sehr hohen Nutzen bringen könnten. Mit wenig Aufwand ließe sich das Glückslevel der Leser vervielfachen.
Er veröffentlicht es nicht. Weil ihm ja noch eine bessere Idee kommen könnte, die das Buch noch mal verbessert. Ich kenne das Buch. Ich habe es – also die PDFs. Mittlerweile sind es 21 Revisionen.
Quasi nebenbei entwickelt er eine KI. Eine Beratungs-/Coaching-KI, die dir bei Herausforderungen zur Seite steht. Auch die ist genial. Einige aus unserem Freundeskreis benutzen sie, ich selbst eher selten, ich bin kein soooo großer Anhänger der KI. Eine Freundin hat sich von dieser KI durch ihre Trennung begleiten lassen. Ihr Mann hat – nennen wir es mal, wie es ist – Kontakt zu Prostituierten gesucht. Heikles Thema. Aber sie hat zusammen mit der KI einen für sich tollen Weg gefunden und ist mittlerweile glücklich getrennt. Mit Betonung auf glücklich.
Veröffentlichen kann er die KI nicht. Wahrscheinlich würde er damit Millionen machen. Ist ihm egal. Sie ist noch nicht perfekt.
Ja, das sind die Schattenseiten von Perfektionismus.
„Done is better than perfect“ sagt man im englischen. „Fertig ist besser als perfekt.“ Perfektionismus ist keine Tugend. Es ist eine elegante Art, sich selbst auszubremsen. Also: Raus mit dem Scheiß. Die Welt nimmt ihn auch so.
