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Bist du immer noch so ein Revoluzzer?

Fragte mich vor Jahren bei einem Klassentreffen eine meiner ehemaligen Mitschülerinnen – ich glaube, noch bevor sie Hallo gesagt hatte. Wir hatten uns seit ungefähr 20 Jahren nicht gesehen.

Scheinbar ein auffälliger Charakterzug von mir. Der sich heute vor allem dadurch zeigt, dass ich so ziemlich alles hinterfrage und mir meine eigene Meinung bilde.

Zum Beispiel:

➡️ Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.
Warum ist das beispielsweise in Griechenland oder Frankreich nicht so?

➡️ Verhaltensänderungen dauern 21 Tage.
Unsinn. Gilt nur bei Mini-Änderungen. Wissenschaftlich untersucht: Verhaltensänderungen dauern bis zu 9 Monaten. Bei mir 6 Wochen.

➡️ Du musst unbedingt Sport machen zum Abnehmen.
Studien belegen, dass man durch Sport oft sogar eher zunimmt – und zwar nicht Muskelmasse, wie manchmal behauptet wird.

➡️ Als trockener Alkoholiker darfst du nie mehr einen Tropfen Alkohol trinken. Wenn du aus Versehen eine Schnapspraline isst, bist du verratzt.

Und genau dieser letzte Punkt – der hat es für mich in sich.

Das Tischtuch zwischen mir und dem Alkohol ist ja bekanntlich zerschnitten – aber ich lehne es nicht kategorisch ab, mal etwas zu trinken. Die Option, bei einem besonderen Anlass mit einem Glas Sekt anzustoßen, lasse ich mir offen.

Und bei den paar Anlässen, die es in den gut fünf Jahren gab, hatte ich keinen Appetit auf Alkoholisches. Ohne Druck. Ohne schlechtes Gewissen.

Ich denke: In vielen Fällen baut dieses kategorische „Nie wieder!“ mehr Druck auf als nötig. Vielleicht zu viel Druck.

Ich brauche auch keine Disziplin. Dieses „Grrrrr, durchhalten, hart sein, Tschaka!“ – Disziplin wird eh überbewertet.

Auch mit seinem Dämon Alkohol kann man Frieden schließen. Ohne Gewalt. Ohne Dogma. Einfach, indem man sich selbst vertraut, wie einem alten Freund, der einen schon durch so manche Scheiße getragen hat.

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