Flashback – meine früheste Kindheitserinnerung
Nach meiner Rückkehr aus Zypern nach Griechenland habe ich für etwa ein halbes Jahr in Artemida gewohnt – einer Kleinstadt mit rund 20.000 Einwohnern, östlich von Athen, direkt am Flughafen.
Eine schöne, kleine Wohnung, vielleicht 30 Meter vom sehr schönen Sandstrand von Artemida entfernt, der sich langgestreckt an einer Bucht entlangzieht.
Ich merke gerade, wie mein Gehirn versucht, mich abzulenken von dem, worüber ich eigentlich schreiben will.
Eine Erinnerung aus meiner Kindheit. So ziemlich meine früheste Kindheitserinnerung.
Ich muss damals sieben gewesen sein.
Wir standen im Flur – meine Mutter, meine Schwester und ich. Wir mussten wohl dort stehen und zuschauen, wie mein Vater meinen älteren Bruder zusammenschlug.
Und wenn ich zusammenschlug schreibe, dann meine ich das auch so.
In diesem Flur gab es eine Garderobe: ein an die Wand geschraubtes Brett, bespannt, leicht gepolstert und abgesteppt mit grünem Kunststoff und goldenen Nägeln. So ähnlich wie das Titelbild (KI). Oben mit einer Hutablage – ebenfalls goldfarben.
Links ein schmaler Spiegel, darunter ein kleiner Holzkasten mit einer Klapptür, ungefähr so groß wie ein Schuhkarton. Auf dem Kasten legte man Haarbürsten und so ab, im Kästchen wurde Schuhputzzeug aufbewahrt.
Mein Bruder muss damals elf gewesen sein.
Er versuchte, sich unter dem Kästchen in Sicherheit zu bringen. Er versuchte, sich unter einem Schuhkarton zu verstecken.
Welche wahnwitzige Angst muss er gehabt haben, um zu versuchen, sich unter einem Schuhkarton zu verstecken?
Ich weiß nicht, ob ich mir diese Frage damals als Siebenjähriger schon gestellt habe – oder erst später. Aber die Erinnerung daran hat mich mein ganzes Leben nicht losgelassen.
Mit meinem Bruder konnte ich mich nie darüber unterhalten, vielleicht wäre das hilfreich gewesen – für uns beide. Er ist einige Zeit später bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich glaube, er wollte gehen.
In der kleinen Wohnung in Artemida gab es ein kleines, an die Wand geschraubtes Holzkästchen im Flur. Ungefähr schuhkartongroß. Für Schuhputzzeug. Oben konnte man beispielsweise Haarbürsten ablegen.
Als ich die Wohnung besichtigte, fiel mir das Ding gar nicht auf. Erst ein paar Tage später.
Ich musste kotzen.


Heute habe ich ein bestimmtes Bild aus Griechenland gesucht – dabei bin ich über die Bilder dieser Wohnung gestolpert. Die Bilder habe ich nicht selbst gemacht, sie stammen aus der Anzeige des Vermieters.
In unserer Secret-Angel-Gruppe haben wir eine Vorgehensweise entwickelt, die wir „Der Zeitstempel“ nennen. Vor etwa zwei Jahren habe ich diese Methode auf diese Erinnerung angewendet.
Und heute, als ich die Bilder entdeckte, habe ich mich zum ersten Mal überhaupt wieder an dieses traumatische Ereignis erinnert – fast 60 Jahre später.
Es ist nur noch eine eher melancholische Erinnerung. Eine, die nicht mehr weh tut.
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