Nähe suchen, Nähe fürchten
Ich schreibe ja oft über Bindungs- oder Entwicklungstraumata – aber was ist das eigentlich?
Ein Bindungstrauma – oft auch als Entwicklungstrauma oder Beziehungstrauma bezeichnet – ist „eine tiefgreifende seelische Verletzung, die durch wiederholte negative Erfahrungen in engen menschlichen Beziehungen entsteht.“ So sagt es die KI dazu.
Im Gegensatz zu einem Schocktrauma, das man nach einem plötzlichen, einmaligen Ereignis wie einem Unfall bekommen kann, entsteht ein Bindungstrauma über einen längeren Zeitraum.
Es entsteht durch emotionale Vernachlässigung, Kontrollverlust, Abwertung oder psychische wie körperliche Gewalt durch nahe Bezugspersonen – Eltern oder andere Erzieher (in einem Kinderheim beispielsweise).
Häufig entsteht es schon in den ersten Lebensjahren, wenn die Hauptbezugspersonen unzuverlässig, bedrohlich, überfordernd oder abwesend sind. Das Kind fühlt sich ohnmächtig und wertlos.
Auch in späteren Liebesbeziehungen oder Freundschaften kann durch toxische Dynamiken und Missbrauch ein solches Trauma entstehen. Die Grundlage dafür ist aber schon früher gelegt – sonst würdest du dich aus einer toxischen Partnerschaft recht einfach lösen können.
Dadurch gerätst du in ein tiefes, fast unauflösbares Dilemma.
Als Rudelwesen brauchst du Beziehungen zu anderen – Beziehungen sind für dich überlebenswichtig. Aber Nähe und Beziehung heißen für dich auch: „Ich werde angegriffen – und ich muss mich beschützen.“
Ein Widerspruch, der sich kaum auflösen und aushalten lässt.
Wie äußert sich das im Leben?
- Misstrauen: Betroffene haben große Angst vor Nähe und finden es schwer, anderen Menschen zu vertrauen.
- Verlustangst: Die ständige Sorge, verlassen zu werden oder nicht gut genug zu sein, prägt das Verhalten.
- Gefühlschaos: Der Wunsch nach Nähe schlägt oft plötzlich in den Wunsch nach starker Distanz um. In meinem Beitrag „Die eine Hand zieht, die andere stößt“ habe ich das beschrieben.
- Körperliche und seelische Anspannung: Das Nervensystem ist dauerhaft im Alarmbereitschaftsmodus (Flucht oder Kampf) – was zu Schlafstörungen, Ängsten oder Depressionen führen kann.
Durch welche Verhaltensweisen zeigt sich das?
- Wiederholung alter Muster: Das unbewusste Aufsuchen neuer, ungesunder Beziehungen – weil das Nervensystem das Vertraute sucht. Auch das Schmerzhafte.
- Selbstvorwürfe: Die Schuld für das erlittene Leid fälschlicherweise bei sich selbst zu suchen.
- Isolation: Sich komplett aus sozialen Kontakten zurückzuziehen, um jeden neuen Schmerz zu vermeiden.
Ich hab die Wege alle ausprobiert – man probiert sie automatisch aus. Dein Unterbewusstsein merkt, dass die Strategie nicht aufgeht, und probiert eine andere – in einem ständigen Kreislauf.
Aber keiner dieser Wege taugt was. Keiner löst dein Dilemma auf.
Was würde ich heute anders machen?
Der erste und wahrscheinlich schwierigste Schritt ist das Erkennen und Annehmen der Herausforderung: Sich eingestehen, dass die erlebten Verletzungen tief wirken und das Verhalten im Hier und Jetzt steuern. Vielleicht helfen dir meine Beiträge dabei, wenn du oben beim Titel auf „Entwicklungstrauma“ klickst bekommst du alle Beiträge zu dem Thema auf einer Seite angezeigt.
Der zweite Schritt ist, therapeutische Hilfe durch einen Psychologen, Heilpraktiker oder spezialisierten Coach/Mentor in Anspruch zu nehmen. Ich weiß, das klingt jetzt nach Werbung – aber eine professionelle Traumatherapie ist zumindest der schnellste, vermutlich aber der einzige Weg, das verletzte Nervensystem zu beruhigen und neue, gesunde Bindungsmuster zu erlernen.
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