Du stirbst
Ich habe die Angelika im Spätsommer 1978 kennengelernt und mich sofort in sie verliebt. Meine große Liebe – die, an die man sich sein Leben lang erinnert.
Kurz darauf waren wir ein Paar. Ich war noch im Erziehungsheim damals – knapp 100 km weit weg. Ich hatte etwa alle zwei Wochen Heimaturlaub. Sie hat mich dazwischen besucht.
Ich habe ihr einen Liebesbrief geschrieben – auf einen DIN-A1-großen Papierbogen. Ich habe wohl zwei Wochen dafür gebraucht, natürlich auch, weil ich sie beeindrucken wollte. Sie hatte ihn noch Jahrzehnte später.
Anfang 1979 kam ich aus dem Heim. Wir waren gut 1,5 Jahre ein Paar. Sie war meine „Erste“ – du weißt schon, was ich meine. Ich wollte mir noch die Hörner abstoßen.
16 Jahre später haben wir uns zufällig wiedergetroffen – in einer Kneipe mit dem Namen Pflaumenbaum. Nach einigen Minuten haben wir Händchen gehalten. Drei Monate später war sie mit unseren Zwillingen schwanger.
14 Jahre später waren wir wieder getrennt.
Als Paar konnten wir uns irgendwie nicht zusammenraufen – zu viele Verletzungen in der Kindheit. Das Beziehungstrauma zu mächtig, vor allem bei mir. Sie war weiter als ich.
Gestern Nachmittag habe ich sie in der Klinik besucht. Abgemagert auf 33 Kilo. Krebs im Endstadium. Es wird gerade nach einem Platz im Hospiz gesucht – wahrscheinlich hat sie keine vier Wochen mehr zu leben.
Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Text öffentlich mache. Vielleicht lösche ich ihn auch wieder.
Denk einfach daran: Du stirbst.
Deine Lieben sterben – vielleicht vor dir, vielleicht nach dir.
Sag ihnen, dass du sie liebst.
Jetzt.
