Der Krämer die Drecksau
Das war wohl eine prägende Erfahrung gleich im ersten Jahr im Erziehungsheim – nehme ich an, sonst könnte ich mich wahrscheinlich nicht mehr daran erinnern.
Es war ein streng katholisches Heim der Herz Jesu Missionare. Damals hieß es noch Jugendwerk Schloß Birkeneck. Das „Schloß“ wurde mittlerweile gestrichen, die Einrichtung existiert heute noch.
Ich wurde genau eine Woche vor meinem 15. Geburtstag am 11. Mai 1976 quasi eingeliefert – auf richterlichen Beschluss. Konnte mir das mehr oder weniger aussuchen: entweder U-Haft oder Birkeneck. Tja.
Kurz vor Weihnachten wurden wir dann aufgefordert, für irgendwelche kirchlichen Einrichtungen in Afrika zu spenden. An der Weihnachtsfeier wurden die Ergebnisse der Kollekte verlesen. X hat fünf DM gespendet, Y zwei, Z auch fünf … bis es zu meinem Namen kam:
„und der Krämer, die Drecksau, hat nichts gespendet!“
Bruder Homann, der unsere Gruppe leitete, rief es in die Runde. Ich war der einzige von etwa 35 Jungs, der nichts gab. Und das wurde feierlich verlesen. Vor allen. In der Weihnachtsfeier.
Warum habe ich nichts gespendet? Na ja, ich hatte schlichtweg kaum Geld. Wir haben, wenn ich mich recht erinnere, 25 DM Taschengeld pro Monat bekommen. Ich habe geraucht. Einige Schulmaterialien mussten wir selbst kaufen. Und – ganz ehrlich – ab und zu sind wir auch raus aus dem Heim zu einem kleinen Laden, fünf Minuten zu Fuß, und haben uns eine Flasche Apfelkorn geholt.
Spenden war da nicht ganz oben auf der Prioritätenliste.
Heute ist mir bewusst: Ich spende gerne, aber ich will wissen, wofür. Ich habe in meinem Leben – vorher oder nachher – nie an große, anonyme Organisationen wie das Rote Kreuz oder eben die Kirche gespendet. Hilfe hat für mich bis heute etwas mit persönlichem Tun zu tun. Also: im Tierheim mit Hunden Gassi gehen, im Kinderschutzbund persönlich mitarbeiten. In Griechenland und Zypern einen Kofferraum voll Futter zum Tierschutzprojekt bringen. Eine überfahrene, verletzte Katze von der Straße sammeln, um sie zum Tierarzt zu bringen – sie ist dann in meinen Armen gestorben.
Außerdem bin ich ein großer Freund der Hilfe zur Selbsthilfe. Ich spende lieber für ein konkretes Brunnenbauprojekt, wodurch jahrzehntelang die Felder bewässert werden können. Oder auch mal gerne dem Bettler in der Fußgängerzone. Ich weiß, dass er das Geld mit ziemlicher Sicherheit in Alkoholika umsetzen wird. Verstehe ich. Ist seine Entscheidung. Und meine.
Das prägt auch heute noch meinen Ansatz beim Coaching, Mentoring oder in der Unternehmensberatung. Mir geht es darum, dass der Klient möglichst nur begrenzte Zeit Unterstützung braucht. Ich vermittle lieber Skills, mit denen er sich selbst helfen kann. Egal ob im Businessumfeld bei der Organisationsberatung von Verlagen oder im persönlichen Bereich beim Thema Selbstwert.
Ob ich durch diese Erfahrung so geprägt wurde oder ob das schon vorher in mir drin war – ist eigentlich auch egal. Ich habe auch in den folgenden Jahren im Heim nichts gespendet, namentlich erwähnt hat mich Bruder Homann nicht mehr.
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Ernste Geschichte, sehr lustig geschrieben.
Vielen Dank für deinen lieben Kommentar, liebe Sabine ♥