Einmal Alkoholiker, immer Alkoholiker?
Wahrscheinlich kennst du dieses jahrzehntealte Dogma: Nach dem Entzug bist du weiterhin Alkoholiker – nur eben ein trockener. Und dass dich schon eine versehentlich gegessene Schnapspraline zurückbefördert ins Tal der Tränen.
Lass mich erzählen, warum ich das für wenig zielführend – für wenig nützlich – halte.
Ich habe vor knapp 40 Jahren mit dem Rauchen aufgehört und vor 5 ½ Jahren mit dem Alkohol – mit zwei vollkommen unterschiedlichen Ansätzen, ein Stück weit auch dem Zufall geschuldet. Trotzdem habe ich viel daraus gelernt, das ich auch heute im Mentoring anwende.
Der Rauch-Stopp – Kampf, Kampf, Kampf
Der Entschluss, das Rauchen zu beenden, kam eher aus gesundheitlichen Gründen – ausgelöst durch den typischen Raucherhusten. Damals wählte ich den harten Weg: Kampf gegen die Sucht, Kampf gegen die Zigaretten – Tschaka, du musst diszipliniert sein! Kampf, Kampf, Kampf!
Es war ein steiniger Weg. So richtig „Ich bin durch, ich habe es geschafft“ kam erst nach etwa einem Jahr. Und auch danach gab es noch Momente, in denen es juckte – in denen es wieder Kraft kostete, diesem Jucken nicht nachzugeben.
Hier nur kurz zusammengefasst – vielleicht schreibe ich mal einen ausführlicheren Beitrag dazu.
Aber: Immerhin habe ich es geschafft. Und wenn man bedenkt, dass auf diesem Weg nur etwa 3 bis 5 % der Raucher dauerhaft aufhören, bin ich schon ein bisschen stolz darauf.
Trotzdem: Das Problem an diesem Weg ist, dass eine wenig nützliche Identität entsteht – eher eine Opfer- oder Patienten-Identität.
Der Alkohol-Stopp – eine leise Entscheidung
Der Start beim Alkohol war von Beginn an ein anderer. Nicht Gesundheit war der Auslöser, sondern ein Traum, der mir zu denken gab. Und die Entscheidung ging eher in die Richtung: Ab heute trinke ich nicht mehr. Ich bin Nicht-Trinker.
Ich habe mir bis heute die Option offengelassen, bei einer hohen Festlichkeit auch mal mit einem Glas Sekt anzustoßen – und es auch zu trinken, versteht sich. Den Joker habe ich bisher nie genutzt. Nicht aus Angst, nicht aus Disziplin – sondern weil ich einfach keinen Bock hatte. Und das ist für mich der entscheidende Unterschied.
Ich habe mich vom ersten Moment an nicht als trockener Alkoholiker gesehen – oder als Alkoholiker, der versucht, trocken zu werden.
Und es lief easy.
Keine Entzugserscheinungen – die bei Alkoholentzug ja sogar lebensbedrohlich sein können. Kein Verlangen. Ich hatte noch eine oder zwei Dosen Bier im Kühlschrank – die habe ich erst nach zwei, drei Wochen entsorgt. Eine Flasche Wein, die ich geschenkt bekommen hatte, stand noch monatelang offen rum, bis ich sie weiterverschenkte. Es hat kein bisschen gejuckt.
Ob das jetzt zu 100 % der Weg für jeden ist, weiß ich nicht. Müsste man gegebenenfalls durch Studien ermitteln.
Aber für mich und meine Klienten hat es sich als der richtige Weg bewahrheitet. Keiner meiner bisherigen Klienten wurde rückfällig. Und auch wenn es noch nicht sehr viele Klienten waren – ich halte das für den nützlicheren Weg.
Welche Vorstellung in deinem Unterbewusstsein ist wohl hilfreicher?
Variante A: „Ich bin trockener Alkoholiker – und schon eine versehentlich gegessene Schnapspraline führt zum Rückfall.“
Oder:
Variante B: „Ich bin Nicht-Trinker – und kann mit allen Herausforderungen rund um Alkohol souverän umgehen.“
In meinem nächsten Beitrag erzähle ich, wie ich diesen zweiten Weg im Mentoring begleite – und warum ich dabei auf ungewöhnliche Werkzeuge wie Musik setze. Denn was, wenn dein neues Selbstbild nicht nur eine Entscheidung, sondern ein Ohrwurm werden könnte?
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