Die Fußpflegerin und der Dämon Alkohol
Heute Vormittag war ich wieder bei der Fußpflege – zum zweiten Mal bei dieser Dame hier in Augsburg. Ein bisschen Smalltalk, und dabei fragte sie mich, was ich eigentlich beruflich mache.
Ich habe kein ausgeklügeltes, auswendig gelerntes Positionierungssprüchlein für den Elevator Pitch parat. Dieses Marketinggedöns ist mir ein Stück weit zuwider. Also sagte ich ihr ganz schlicht, dass ich Männer in schweren Krisen unterstütze – etwa bei Alkoholsucht, Ängsten oder Selbstzweifeln.
Alkohol war dann ihr Stichwort. Sie erzählte mir, dass sie im Umfeld eigene Erfahrungen damit hat, und dass es ja vor allem die körperliche Sucht sei, die es so schwer mache, davon loszukommen.
Da hatte ich wohl meine fünf Oberlehrersekunden und korrigierte sie: Die körperliche Sucht ist bei Alkohol eigentlich das kleinere Übel – die psychische ist der viel hartnäckigere Teil, den viele ihr Leben lang nicht loswerden.
Irgendwie hatte ich damit in ein Wespennest gestochen. Sie wurde auf einmal richtig vehement.
„Das kann doch nicht sein! Die körperliche Sucht ist doch das, was einen komplett kaputt macht! Da kann man doch nicht einfach sagen, die sei nicht so schlimm!“
Ich versuchte, sie auf eine kleine Reise in die Wissenschaft mitzunehmen. Ja, die körperliche Sucht sei nicht lustig, und den Körper zu entwöhnen kann bei Alkohol sogar lebensgefährlich sein. Aber die psychische Sucht lässt dich – nach heutigem Erkenntnisstand – nie wirklich los. Du kannst in zehn Jahren in eine Stresssituation geraten, in der du dich immer mit Alkohol beruhigt hast, und es wird noch nach einem Jahrzehnt jucken, dass dir jetzt ein Schnäpschen gut täte. Das ist nicht körperlich – das macht dein Gehirn.
Im Laufe des Gesprächs verstand ich, warum sie so emotional reagierte. Sie erzählte mir von ihrem Mann – heute trinkt er keinen Alkohol mehr, aber die Zeit, als er trank, war wohl sehr schwer. Sie sprach von Tätlichkeiten, davon, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
Da fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren.
Es ging hier um einen Selbstschutzmechanismus, den wir alle so ähnlich haben.
Stell dir vor, dein eigener Partner – der Mensch, den du liebst – wird unter Alkohol gewalttätig. Er schlägt dich, beschimpft dich, macht dich klein. Wie gehst du damit um?
Es gibt zwei Erklärungen:
- Mein Partner ist ein gewalttätiger Mensch. Punkt. Dann bleibt die Frage: Warum bin ich bei ihm geblieben? Ist er wirklich ein guter Mensch? Habe ich mich selbst belogen?
- Der Alkohol war der Täter. Die körperliche Sucht hat sein Gehirn so vergiftet, dass er gar nicht mehr er selbst war. Sein Körper schrie nach der nächsten Flasche, er war krank – und in diesem Ausnahmezustand ist das passiert.
Die zweite Erklärung ist für viele Angehörige die einzige, die erträglich ist. Sie brauchen die Vorstellung, dass die körperliche Abhängigkeit etwas massiv Schlimmes, fast Dämonisches ist – denn dann können sie ihrem Partner verzeihen und die Beziehung retten.
Besonders wenn man, wie meine Fußpflegerin, aus einem anderen Kulturkreis kommt – einer Kultur, die noch etwas archaischer geprägt ist, in der der Mann das Alphatier ist und psychische Krankheiten eher Frauen zugeschrieben werden. So wie es bei uns vor hundert Jahren auch noch war.
Er darf nicht psychisch krank sein. Punkt.
Natürlich ist es auch so, dass die Gesellschaft die körperliche Sucht als erstes sieht. Das Zittern, die Unruhe, der Gelbstich in Haut und Augen, irgendwann der Zusammenbruch – das kann man sehen. Die psychische Sucht dagegen ist unsichtbar. Das stille Verlangen, das Rechtfertigen, das heimliche Trinken – das sieht keiner.
Die Vorstellung von der körperlichen Überwältigung durch den Dämon Alkohol entlastet nicht nur den Süchtigen selbst – „Ich konnte nichts dafür, mein Körper hat es verlangt“ –, sondern auch die Angehörigen: „Er hat mich nicht geschlagen, der Alkohol war es.“
Die unbequeme Wahrheit: Sucht ist nie nur Biochemie.
Egal ob bei Alkohol oder anderen Stoffen – die Biochemie spielt in allen Fällen die geringere Rolle. Die Entgiftung bei Alkohol dauert fünf bis maximal vierzehn Tage. Bei Heroin oder Tabak ist sie tendenziell sogar kürzer. Dann ist die körperliche Sucht erledigt, der Körper zwingt dich nicht mehr zur nächsten Zigarette, zum nächsten Bier oder zur Nadel – es ist dein Kopf.
Und das wird dann oft zum Synonym für Schwäche. Wenn du Disziplin hättest, würdest du nicht trinken. Aber Disziplin ist ja auch psychisch.
Ich lenkte das Gespräch mit der Fußpflegerin dann in eine andere Richtung. Ich bin weniger der Mensch, der andere unbedingt überzeugen muss – und nachdem ihr Göttergatte mit dem Alkohol aufgehört hatte, bestand ja auch keine Gefahr mehr. Ihre Ansicht ist für sie die nützlichere, und darauf kommt es letztlich an.
Oft ist Nützlichkeit sinnvoller als Wahrheit.
Ich genoss dann den sonnigen Tag mit gepflegten Füßen in Flipflops.
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